Patrimonium Deutsche Comicforschung
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Fröhliche Wissenschaft?
Comicforschung auf Abwegen
Seit die Comicforschung mit Hilfe der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) an den Universitäten wieder Zulauf bekommt, also nicht mehr als abträglich für die eigene akademische Karriere eingeschätzt wird, treibt dieser Zweig ganz eigenartige Blüten. Mangels gewachsener Strukturen, mangels Fachwissen im etablierten Lehrkörper ist in der universitären Comicforschung derzeit ein Laissez faire, lassez passer zu beobachten, das weder mit Comic noch mit Forschung zu tun hat. Die harmlose Variante dieser Mode ist eine Häufung von Abschlussarbeiten und Vorträgen, die sich einer Handvoll gerade gängiger Themen ("Graphic Novel", Holocaust, 9/11 etc.) widmen, dies nicht selten auf dem Niveau von Schulaufsätzen. Der akademische Usus, der anderen Krähe kein Auge auszuhacken, verhindert auch in der ComFor eine Debatte über die Fragwürdigkeit mancher Dummheit.
Ganz besondere Auswüchse zeitigt die akademische Comicforschung dort, wo sich fachliches Halbwissen und der Wille zur Selbstdarstellung und zum Blenden durch gelehrt klingende Verweise und Zitate miteinander verbinden. Ein unschönes Beispiel hierfür ist das Auftreten von Ole Frahm, Mitbegründer der Hamburger Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) und Reisender in Sachen "internationale" Comics. Frahm hat kürzlich mit der Sammlung "Die Sprache des Comics" (Fundus, Hamburg 2010) eine Reihe von älteren Arbeiten gebündelt und damit die Liste seiner Veröffentlichungen erweitert. Die Arbeitsweise dieses "Forschers" wird deutlich, wenn man aus dem Vorwort des Bandes zitiert, was keine Umschreibung wiedergeben könnte, so abstrus ist dieser Salat. Frahm beruft sich hier auf Friedrich Nietzsche als Zeugen, aber auch auf Goethe und Kracauer - alles ausgewiesene Experten in Sachen Comic, den Frahm nicht als zeitlich und historisch einzuordnende Literatur begreift, sondern als feststehendes Ding, das nur darauf harrt, von Ortsfremden interpretiert zu werden.
Nietzsche notierte seine Aphorismen knapp 15 Jahre, bevor sich in den Zeitungen Amerikas eine Form etablierte, die "funnies" genannt wurde und heute "Comic" heißt. So weit diese Strips auch davon entfernt sein mögen, seiner Vorstellung einer Zukunft des Lachens zu entsprechen - es bleibt doch bemerkenswert, wie Nietzsches Zweifel an aller Tiefe, seine Reflexion der Zeichenketten als Tun ohne Täter, seine Bejahung der Nachahmung, kurz: sein parodistisches Gelächter in ihrer Ästhetik formalisiert wird. Comics lachen über sich selbst wie über alles Hohe. (S. 8)
Sehr komisch, wirklich. Dass Nietzsche sich nie zum Comic geäußert hat, interessiert Frahm nicht, der sich mit diesem Namedropping als Nietzsche- und Comicexperte gleichermaßen darzustellen versucht. Ähnlich verfährt er ein paar Zeilen weiter mit Goethe, von dem man ja weiß, dass er die Arbeiten von Rodolphe Töpffer in seinen heiligen Händen hielt, wenn auch noch nicht 1823:
Es wundert kaum, dass ein Wort des Klassikers Goethe von 1823 auf sie gemünzt sein könnte: "Wie ich ein Todfeind sei von allem Parodieren und Travestieren hab ich nie verhehlt; aber nur deswegen bin ich's, weil dieses garstige Gezücht das Schöne, Edle, Große herunterzieht, um es zu vernichten; ja selbst den Schein seh ich nicht gern dadurch verjagt." Comics bilden offensichtlich eine Form, die aufgrund ihres Verhältnisses von Schrift und Bild, der Verschriftlichung des Bildes in der Panelfolge und der Verbildlichung der Schrift in Sprechblasen und Onomatopöien, ihrer seriellen Figuren und grafischen Zeichen jeden Schein verjagt. Das Große erscheint in ihren kleinen Zeichnungen als lächerlich. Zur Vernichtung hat es allerdings nicht gereicht. Goethes energische Abwehr markiert eine historische Frontstellung. Sie bestimmt die ästhetische Einschätzung der Comics bis heute und hat manchen Vorläufer. (S. 9)
Ist das so. Als Vorläufer empfindet Frahm offenbar den hundert Jahre nach Goethe lebenden Kracauer, über den er im nächsten Satz schreibt:
Siegfried Kracauer beispielsweise setzt in seinem Buch "Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit" die Komponisten Wagner und Offenbach gegeneinander [...] Immer wieder wird versucht, das Kleine der Comics groß zu machen; wie auch das Parodistische der Comics, das aus allem Aufgeblähten die Luft herauslassen kann, nur als Genre und nicht als formale Struktur verstanden und damit weggeredet wird; wie überhaupt ignoriert wird, dass auch die Comics ganz in der Tradition Offenbachs die metaphysischen Dünste verjagen. (S. 9f)
Nein, diese Zitate sind nicht aus dem Zusammenhang gerissen, sie bilden den Zusammenhang von Frahms eigenartigem Gedankenwust zum Thema Comic. Die hanebüchenen, ahistorischen, der Comicforschung gewaltsam aufgepfropften Thesen sind an Hohlheit und Eitelkeit kaum zu übertreffen. Leider ist das Niveau der Auseinandersetzung in der akademischen Comicforschung so niedrig, dass derartige Scharlatanerie nicht nur ernst genommen, sondern ob ihres "Charmes" sogar bestaunt wird. So zieht Verena Paul in ihrer Rezension des Buches im renommierten Portal Kunstgeschichte das Fazit:
Endlich ein wissenschaftliches Werk, das sich nicht hinter hochgeschraubten, verklausulierten Fachtermini versteckt, sondern Fakten auf den Tisch legt - dies jedoch in einer derart charmanten, anziehenden Weise, dass ich das Buch nur ungern zu Lesepausen aus der Hand gelegt habe! Insofern kann ich "Die Sprache des Comics" von Ole Frahm uneingeschränkt empfehlen: Sowohl denjenigen, die sich für das Thema Comic interessieren als auch den hartnäckigen Verweigerern, die es bislang nur mit Vorurteilen von sich gewiesen haben.
Dass Frahm im Folgenden ("Kleine Forschungskritik") das solide handwerkliche Arbeiten des Literaturwissenschaftlers, nämlich die Grundlagenforschung, in die Ecke stellen möchte, spricht für die Abseitigkeit seines Ansatzes:
Wer meint, dass die Forschung zuerst eine philologische Phase durchlaufen müsse, um den Bestand des zu untersuchenden Gegenstands zu sichern, sollte bedenken, warum die Wissenschaft sich in den letzten zehn Jahren überhaupt verstärkt diesem Gegenstand zuwendet, der diese in ihrem nüchternen, systematischen und archivarischern Ansinnen doch auszulachen droht.
Frahm disqualifiziert sich mit solchen Postulaten selbst. In ihm wird der Literaturwissenschaftler zum Entertainer, zum Pausenclown. Das Eigenartige ist nur, dass niemand diesem offensichtlichen Unfug etwas entgegenhält: Das Netzwerk der Worthülsenklingler und Schönredner ist fest geknüpft. Es finden sich offenbar genug Halbgebildete, denen man mit (falsch verwendeten) Zitaten von Nietzsche, Goethe und Kracauer imponieren kann. Des Kaisers neue Kleider. Mit Comic oder Comicforschung hat das alles wenig zu tun. Frahm ist denn bisher auch nicht durch besondere Kenntnis der Materie aufgefallen. Er sucht sich statt dessen einige wenige publikumsträchtige Themen heraus (gängiges Bonmot: "Spricht Ole heute über Maus oder über Art Spiegelman?") und referiert anhand dieser Bruchstücke pars pro toto. Wenn er dabei den Comic mit ausgewählten Lichtgestalten der Vergangenheit ("Klassiker Goethe") erklärt, ist das so abenteuerlich, dass man sich ernstlich fragen muss, wes Geistes Kind dieser Autor ist. Möge ihm das Schicksal Nietzsches erspart bleiben, der 1889 in Turin einem Droschkengaul um den Hals fiel und damit der Philosophie auf tragische Weise abhanden kam.
Eckart Sackmann |
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